Ein Buch mit sieben Siegeln
Kurzum, das Leben
war mir ein Buch mit sieben Siegeln.
Das Wesen und das Ausmaß der
Sorgen und Nöte meiner
Nachbarn waren mir vollkommen
schleierhaft.
Lebenspraktische Sorgen – derlei, die man mit
einer
Mahlzeit beruhigen kann – schienen mir die letzte Stufe
al-
ler Höllenqualen zu sein, abgrundtief und unbezwingbar,
sie
würden meine zehn Unheilsgeschwüre im Nu auslöschen.
Es war mir ein Rätsel, wie die Menschen einfach weiterlebten,
ohne Selbstmord zu begehen oder wahnsinnig zu wer-
den, sich für Politik zu interessieren vermochten, ohne sich
der Verzweiflung zu ergeben, und resolut um ihr Überleben
An
Geld? Unmöglich! Das kann doch nicht alles sein. Ich
habe
zwar von der Theorie gehört, der Mensch lebe, um zu
essen
– aber der Ausspruch: Man lebe für das Geld, das ist
mir
noch nie zu Ohren gekommen; ach, und doch, womög-
lich
... nein, auch das ist mir ein Rätsel ... je mehr ich dar-
über
nachdenke, desto verwirrter werde ich; dann scheine
nur
ich, immerzu heimgesucht von Angst und Schrecken,
so
alleine, so wunderlich und sonderbar zu sein. Ich konnte
kaum
ein Wort mit den Nachbarn wechseln. Worüber
spricht
man bei so einer Gelegenheit und wie drückt man
sich
aus? Es war mir ein Rätsel
Osamu Dazai: Nicht länger ein Mensch

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