Ein Buch mit sieben Siegeln

 

Mesocco, 10 Juli 290

Kurzum, das Leben war mir ein Buch mit sieben Siegeln.
Das Wesen und das Ausmaß der Sorgen und Nöte meiner
Nachbarn waren mir vollkommen schleierhaft.
Lebenspraktische Sorgen – derlei, die man mit einer
Mahlzeit beruhigen kann – schienen mir die letzte Stufe al-
ler Höllenqualen zu sein, abgrundtief und unbezwingbar, sie
würden meine zehn Unheilsgeschwüre im Nu auslöschen.


Es war mir ein Rätsel, wie die Menschen einfach weiterlebten,
ohne Selbstmord zu begehen oder wahnsinnig zu wer-
den, sich für Politik zu interessieren vermochten, ohne sich
der Verzweiflung zu ergeben, und resolut um ihr Überleben
kämpften – litten sie denn nicht darunter? Tue ich ihnen
Unrecht, wenn ich denke, dass solche Menschen Egoisten
sind? Sie schienen allesamt davon überzeugt, ihre Lebens-
weise sei vollkommen normal, und dachten nie daran, sich
und andere zu hinterfragen. Stimmte das, sollten ihre Sor-
gen nicht allzu schwer zu tragen sein: Diese Menschen wa-
ren die Regel, und das reichte ihnen wohl aus. Unbegreif-
lich ist mir das ... Schlafen sie also des Nachts tief und fest
und wachen morgens frisch und erholt auf? Was träumen
sie nur? Woran denken sie, wenn sie durch die Stadt gehen?

An Geld? Unmöglich! Das kann doch nicht alles sein. Ich
habe zwar von der Theorie gehört, der Mensch lebe, um zu
essen – aber der Ausspruch: Man lebe für das Geld, das ist
mir noch nie zu Ohren gekommen; ach, und doch, womög-
lich ... nein, auch das ist mir ein Rätsel ... je mehr ich dar-
über nachdenke, desto verwirrter werde ich; dann scheine
nur ich, immerzu heimgesucht von Angst und Schrecken,
so alleine, so wunderlich und sonderbar zu sein. Ich konnte
kaum ein Wort mit den Nachbarn wechseln. Worüber
spricht man bei so einer Gelegenheit und wie drückt man
sich aus? Es war mir ein Rätsel

Osamu Dazai: Nicht länger ein Mensch

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